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texte von:
hans peter riese
jürgen trabant
eugen gomringer
klaus staudt
peter staechelin
kunibert fritz
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Kunibert Fritz
Es gehört heute zu den selbstverständlich erhobenen Forderungen,
daß ästhetische Objekte, soweit sie als Kunstwerke deklariert werden,
ihre Legitimität in ihrer aufklärerischen Intension, bzw. in ihrer gesellschaftsverändernden
Kraft nachzuweisen haben.
Kein Zweifel, daß trotz dieser Forderungen der überwiegende Teil der uns
zur Reflektion zur Verfügung stehenden ästhetischen Objekte nicht nur
nach den Gesetzmäßigkeiten der bürgerlichen Kunstphilosophie hergestellt
sind, sondern auch in ihrem Grad allgemeiner Innovation nicht über den
theoretischen Ansatz dieser Philosophie hinausgehen.
Es ist ein historisches Faktum, daß jene Kunst, die man (ganz undifferenziert)
unter dem Stilbegriff "Konstruktivismus" subsumiert, fast immer eine aufklärerische
Funktion im gesellschaftlichen Bereich für sich in Anspruch genommen
hat. Es liegt nicht zuletzt an der veränderten Situation der gegenwärtigen
gesellschaftlichen Verhältnisse, daß diese Kunst heute in der
spätbürgerlich technoiden Industriegesellschaft notwendigerweise
einen anderen Stellenwert haben muß als in ihren Anfängen.
Dieser Stellenwert wird im Hinblick auf die eingangs zitierte Forderung
zu bestimmen sein. Rein kunsthistorisch betrachtet hat die "konstruktive"
Kunst sich heute mehr und mehr den methodologischen Verfahrensweisen der
Technik angenähert. Deshalb scheint es angebracht, den "Stilbegriff"
aufzulösen und in diesem konkreten Fall der Arbeiten von Kunibert
Fritz von "systematischer" Kunst zu sprechen. Man kann sich bei der Analyse
dieser Arbeiten einer Betrachtungsweise bedienen, die ebenfalls der technologischen
Sphäre entlehnt ist. Hier bietet sich die Kybernetik, im engeren
Sinne die Informationstheorie geradezu an, denn sie hat einen Begriffsapparat
bereitgestellt, der sich allein zur exakten Beschreibung eignet. Wieweit
sich aus dieser "Beschreibbarkeit" Kriterien einer Ästhetik gewinnen
lassen, bleibt zu diskutieren. Fritz verwendet in seinen Arbeiten fast
ausschließlich ein einziges, aus der Geometrie entlehntes, microästhetisches
Zeichen: das Quadrat. Man wird feststellen können, daß gerade
das Quadrat eines der am häufigsten verwendeten Elemente in der konstruktiv-systematischen
Kunst ist; das hat Gründe, die der Methodik dieser Arbeiten immanent
sind. Einerseits läßt sich diese Figur vielfältig geometrisch
aufteilen, so dass für eine systematische Verwandlung eine große
Variationsbreite zur Verfügung steht. Anderseits bringt die additive
Verwendung des Quadrates als Microelement eine große Komplexität
sowohl in der materialen Realisation (Methode) als auch im Bereich der
Rezeption. Man erinnere sich nur daran, daß eine einfache Fläche
von kleinen Quadraten, die etwa schwarz auf weiß nur als additive
Reihung erscheinen, eine intensive Vibration hervorrufen. Fritz hat diesen
Zusammenhang zwischen den Möglichkeiten unseres Auges und der Untersuchung
solcher optischer Strukturen zur Grundlage seiner Arbeit gemacht.
Bei seinen früheren Arbeiten läßt sich eine Vorliebe für die Teilung der
Quadratfigur erkennen. Er gewann aus der systematischen Auflösung (d.h.
der sich aus der Methode ergebenden neuen Anordnung der Teile) ästhetische
Zustände. Das optische Ergebnis wirkt ornamental, weil die Teilung sowohl
von innen nach außen (von einem kleinen, zu einem größeren, umschreibenden)
Quadrat als auch von außen nach innen; also von einer größeren zu einer
kleineren Einheit fortschreiten, d.h. es ergeben sich notwendigerweise
Zentren des Bildaufbaues (negativ oder positiv) . Auf die Auflösung des
vereinzelten Elementes folgt konsequent der systematische Zusammenhang
in einem additiven Verband. Die Grundfläche ist dabei wiederum das Quadrat,
das Microelement bleibt darauf orientiert, so dass das Auge mühelos einen
Zusammenhang über die Achsiallage der Einzelelemente zur übergeordneten
Figur herstellen kann.
Es liegt an der gewählten Figur, daß nur zwei Stellungen alternativ
unterschieden wahrgenommen werden können, das sind die beiden Achsiallagen:
einmal diagonal oder mit der Kante parallel zur Begrenzung der Grundfläche.
Jeweils eine Drehung des Microelementes um einen Winkelwert von 90°
wird in der Rezeption nicht mehr realisiert. Nur die jeweiligen Zwischenlagen
von 90° zu 90° Einheiten werden optisch fürs Auge aktiv.
Aus diesen sehr reduziert anmutenden Möglichkeiten lassen sich eine große
Fülle von Zusammenhängen herstellen, die in den Arbeiten von Fritz durchgespielt
werden. Dabei ist es wichtig, daß die Microelemente in dem Ordnungsschema
zwar unterschieden werden können, daß sich aber in den Größenverhältnissen
nie der Zusammenhang für das Auge verliert. Durch die überlagerung der
einzelnen Additionssysteme werden innerhalb der Gesamtstruktur Großzeichen
sichtbar, die sich notwendigerweise aus dem System ergeben und vom Auge
als Gruppe innerhalb der Gesamtmenge der Zeichen realisiert werden. Je
komplexer das System dabei ist, je vielfältiger werden die Gruppierungsmöglichkeiten
für das Auge: die Struktur fängt an zu fluktuieren. Diese Fluktuation,
ein Effekt, der die Arbeiten von Fritz manchmal in die Nähe der Bemühungen
der Op-Art bringt, kann jeweils durch eine rationale Verwendung der Farbe
(hell-dunkel, komplimentär, kalt-warm) unterstützt oder gebremst werden.
Wir kennen das Phänomen, daß unser Auge sich bei Strukturen, deren Ordnungsschemata
entweder extrem monoton (rein additive Verwendung gleicher Elemente) oder
extrem komplex sind (in der Methode der Addition), sodaß sie nicht auf
den ersten Blick überschaut werden können, eigene Ordnungen aufbaut, d.h.
es entstehen fiktive Ordnungen. Es treten also zu den durch die Methode
determinierten Großzeichen der Struktur Gruppierungen, die einem unbewußt
eigenschöpferischen Akt des Rezipienten entspringen. Dieser Akt wird ausgelöst
durch die Reaktionsweise unserer Sinnesorgane auf bestimmte Reize (hier
im optischen Bereich). Die Ordnungsschemata der Strukturen bei K.F. sind
darauf angelegt, diese Reaktionen optimal zu aktivieren. Dadurch wird
das strenge Schema seiner Methodik in der Rezeption bedingt auflösbar,
es wird vielschichtiger als es aus der (mathematischen) Beschreibbarkeit
resultiert. Hierdurch erhöht sich die ästhetische Innovation dieser Arbeiten,
die nur in der Komplexität der Ordnungsschemata liegen kann. Denn das
Microelement an sich stellt einen hohen Grad an Redundanz dar: wenn nun
ein Optimierungsprozess stattfinden soll (kleinste Redundanz zu größtmöglicher
Innovation) muß diese Arbeit auf die Möglichkeiten der systematischen
Komplexität hin untersucht werden.
In diesem (nur bei Preisgabe des grundlegenden Anspruchs auflösbaren)
Verhältnis ist die über die Kategorie "Beschreibbarkeit" hinausgehende
Problematik dieser systematischen Kunst zu sehen. In der Praxis wird es
an der Innovation liegen, die diese Arbeiten freizusetzen vermögen, wieweit
der Herrschaftscharakter überwunden werden kann, der jeder strengen Systematik
immanent ist und damit dieser Kunst ein aufklärerisches Element intendiert
ist, das die Grundlage für jegliche Veränderung darstellt.
1969
Hans Peter Riese
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