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texte von:
hans peter riese
jürgen trabant
eugen gomringer
klaus staudt
peter staechelin
kunibert fritz
kunibert fritz entwicklung
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kunibert fritz
die problematik der wahrnehmung so einfach wie frage und antwort sichtbar
zu machen, sichtbar werden zu lassen, ist ein vorzug der konkreten kunst.
dazu begrenzt sie den focus unserer möglichkeiten oft bis auf die
letzte polarität. im grunde aber umschreibt sie damit die kernfrage
der wahrnehmung, nämlich das objekt des interesses ins zentrum zu
setzen, ohne dessen flüchtige erscheinung auch dort zu fixieren -
was langweilige sinnesarbeit wäre. josef albers hat diesen vorgang
bekanntlich nach erreichen der formalen konzentrischen lösung im
quadrat im quadrat im quadrat - nach langjährigen zweipoligen vorarbeiten
- dadurch reversibel gemacht, indem er die farbe als das "relativste mittel
" quasi als gegenläufiges system einsetzte und dadurch ebenfalls
eine polarisierung schuf. jede begegnung mit werken von kunibert fritz
verdichtet die erkenntnis, daß hier ein künstler geradezu mit
leidenschaft um dieses zentrum unserer wahrnehmung herum arbeitet. dabei
sind verschiedene markannte phasen durchlaufen worden. grundelement und
focusbegrenzung ist mehr oder weniger übereinstimmend das quadrat.
der damit aufgezeigte widerspruch deutet erneut auf die polarisierung
zweier verfahren bzw. die überlagerung zweier gegensätzlicher
intentionen: der biologischen und der ästhetischen. in seiner ersten
"prototypen"-reihe markiert er durch seitliche begrenzungselemente ein
zentrales quadrat, das innerhalb eines hochformatigen rechtecks als zwischenstück
zwischen einem oberen und einem unteren quadrat fungiert. diese konstrutive
logik ist jedoch so wenig das ziel, wie es die konzentrischen quadrate
bei albers sind.
mit seinen ersten prototypen nahm sich kunibert fritz dem problem von
figur und grund an, d.h. einer der weitreichensten rätselfragen der
wahrnehmung überhaupt. denn diese frage aufwerfen - was ist grund?
was ist figur? - heißt an einen sicherheitsbereich rühren,
dessen stabilität oder instabilität sich immer wieder als von
revolutionärer brisanz erweist. dabei darf hier jedoch nicht ein
sogenannter "verlust der mitte" beklagt werden. denn diese und jede mitte
wird immer nur eine vorübergehende sein können bzw. sein dürfen.
ihre fixierung wäre, wie gesagt, erfüllung und ende des wahrnehmungsvorganges
-d.h. auch des-für-wahr-nehmens und das wird nicht angestrebt. man
läßt sich auch nicht von einer besetzten mitte täuschen,
wenn man z.b. in der reihe der ersten prototypen ein kleines schwarzes
quadtart im mittelpunkt vor sich hat. es ist eine faktische variante im
spiel der zwei möglichkeiten, figur und grund vertauschen zu lassen.
aus den ersten prototypen entwickelte sich folgerichtig das "diptychon",
d.h. die zusammengehörigkeit von zwei rechtecken, zwischen denen
ein subtil ausgewogener abstand eingehalten ist. dadurch verdoppeln sich
die nicht besetzten mitten, d.h. die seitlichen begrenzungen greifen nun
über den zwischenraum hinweg zum nachbarn, wie das die gestaltpsychologie
im "aktiven umgestalten von gestalten" seit jeher beschrieben hat. kunibert
fritz setzte in diesem stadium zusätzlich die farbe ein - die drei
grundfarben - und schafft auf diese weise neue, multiple verhältnisse,indem
er die farbigen kanten, aber auch farbige innenflächen über
mehrere prototypen hinweg miteinander in kompositionen zur abstimmung
bringt. er spricht selbst von "takt, rhythmus, klang, melodie" und spielt
bewußt auf die musikalischen gestaltungsmittel an. mit dieser lösung
hat kunibert fritz die konkrete kunst an eines ihrer frühesten motive
erinnert - eine konstruktive konsequenz, deren erkenntnis kandinsky z.b.
noch nicht zur verfügung stand. das synästhetische ereignis
funktioniert überzeugend in farbe, aber auch in der bescheideneren
form der tuschezeichnung. der künstler hat sich mit den relationalen
kompositionen, welche die beiden grundformen "prototyp" und "diptychon"
ermöglichen, eine aussichtsreiche ausgangsbasis geschaffen. das einfache
prinzip läßt sich generieren. es lassen sich sowohl die reihen
fortsetzen, wie sich auch - intensiv statt extensiv - die wichtigen gestaltungsmittel
ins innere eines quadrates verlegen lassen. es entstehen nun bilder, die
im hochformatigen rechteck der prototypen die drei bisher bekannten quadrate
jeweils einzeln durch farbige "randstreifen" definieren, diese aber auch
durch farbe und irritierende "verschiebungen" unter- bzw. übereinander
in beziehung setzen - wodurch ein solches bild sozusagen ein neues gesamtbild
wird, das eine schwer zu fixierende zahl von beziehungen in sich zusammenfaßt.
zu erinnern ist in diesem zusammenhang auch an ein werk, das aus vier
stäben besteht (1987), welchen in der mitte kleine quadrate aufgemalt
sind, und zwar - in wechselnden farben - nicht nur auf der oberseite sondern
auch seitlich. damit ist auch die dritte dimension einbezogen.
bei den quadratischen bildern sind im gleichen zusammenhang die kanntenstreifen
bereits auch über die kanten hinüber gezogen worden. nun werden
in solchen "objekten" - ein weiterer typus der entfaltung des "einfachen
prinzips" - die relationalen kompositionen potenziert. die polyphonie
verdichtet sich. die beschreibung der möglichen wechselwirkungen
kann längst nicht mehr geleistet werden. es lassen sich nur einzelne
typen in worten darstellen. noch vor wenigen wochen hat kunibert fritz
selbst einen beitrag vermittelt. er schrieb: "neu dagegen ist für
mich die gestaltung des randes, bis hin zum objekt und die ausdrückliche
verwendung der grundfarben. also ich wollte nicht mehr quadrate nur teilen,
sondern ihnen auch etwas zufügen. dadurch entsteht für mich
die spannung zwischen symmetrie und asymmetrie".
ein bestimmter typus des fritzschen bildes scheint nun jedoch das bild
mit reicher innerer differenzierung - "orchestrierung"- zu werden. hier
fällt ein werk auf, ebebfalls ein hochformat, das ein schwarzes quadrat
über einem weißen quadrat zeigt, wodurch der sehkonflikt der
grundsätzlichen polarisierung gegeben ist. fritz behält die
polarisierung bei, hebt sie zwar gleichzeitig auch wieder auf, indem er
sie überspielt mit den schmalen farbkannten, die er in den "prototypen"
entwickelt hat. als additive elemente erscheinen sie nun allerdings auch
flexibel. sie wandern ins innere der fläche, wodurch die gewünschte
asymmetrie programmiert ist. dies kann in einer der beiden flächen
geschehen, die wirkung ist aber auch für das nebenquadrat bzw. auf
das über- oder unterquadrat berechnet. von den erwähnten stäben
sind überdies die kleinen quadrate übernommen worden, die jetzt
im zweiquadratebild erstaunliches verursachen, nämlich die vortäuschung
der plastizität. alle mittel und ihre wirkungen zusammengefaßt,
ergeben ein fast nicht weiter ausreizbares wahrnehmungsfeld. besaßen
die einfachen prototypen sozusagen nur die möglichkeit der vertauschung
von figur und grund, welche die irritation einer umklappung bewirkte,
hat sich dieses spiel außergewöhnlich verfeinert in den sich
daraus entwickelten werken.
unter den zahlreichen neuen konzepten der konkreten kunst, die in den
vergangenen zwei jahrzehnten diese kunst aktualisiert haben, treten immer
mehr diejenigen hervor, die das ästhetische mit biologisch-physiologischen
phänomenen in beziehung setzen. der schein, der - wiederum nach josef
albers - allein nicht trügt, im gegensatz also zum volksmund, der
im schein gerade das trügerische sieht, ist das agens. für das
menschliche auge erscheint bekanntlich ein im wasser stehender stab gebrochen.
das wissen aber sagt uns, daß dies eine täuschung ist - was
den stab betrifft. in diesem bereich zwischen wissen und wahrnehmen bewegt
sich ein wichtiger teil der exakten kunst. auch das werk und die untersuchung
von kunibert fritz leisten dazu einen eigenständigen beitrag. sie
sind deshalb besonders fundiert, weil sie durchaus bekannte gestaltungsmittel
verwenden und sich gerade an diesen das neue sehen in der konkreten kunst
beweisen muß. der "wahrnehmende" eher als der "betrachrer" ist gefordert.
die sensibilisierung durch exakte kunst ist der beitrag zur neubewertung
von bedeutungen. an diesem kapitel arbeitet kunibert fritz in außergewöhnlich
differenzierter weise mit.
1989
eugen gomringer
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