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texte von:
hans peter riese
jürgen trabant
eugen gomringer
klaus staudt
peter staechelin
kunibert fritz
kunibert fritz entwicklung
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Ausstellungseröffnungen stehe ich zumeist mit sehr gemischten Gefühlen
gegenüber; eindeutig sind diese gegenüber Reden auf Ausstellungseröffnungen.
Drum ziehe ich heute Abend das Verfahren des einseitigen Dialogs mit Dir,
lieber Kunibert, vor - eine Kommunikationsform, die uns Lehrern ja durchaus
vertraut ist - und versuche, Irritationen zu skizzieren, Fragen zu vergegenwärtigen
und zu bedenken, die sich aus der Nähe und gleichzeitigen Ferne zu Dir,
einem pädagogischen Weggenossen der letzten 18 Jahre, ergeben haben.
Vor kurzem die rote Krawatte zum Beispiel: signalhafte Vertikale vor dem
novemberlich mißgestimmten Horizont schulischen Alltags, die Deine Bedächtigkeit
ebenso merkwürdig verrückt wie die sanfte Ironie, die immer wieder auf
der Waagerechten Deiner Brillengläser balanciert. Oder die Entdeckung,
daß Deine geradezu urzeitlich somnambule Aufmerksamkeit sich ähnlich unter
dem Schildkrötenpanzer des Rückens hervorwagt, wie Kersting dies bei Caspar
David Friedrich - den ich Dir nicht verwandt wähnte - beobachtet hat.
Das Bild von 1811 zeigt Friedrich bei der Arbeit in seinem Atelier, dessen
quadratstrenge Geometrie Dir nun doch sehr vertraut sein müßte: Mönchsklause
und Gefühlslaboratorium einer Kunst, deren erhellende Symmetrien und Konstellationen
die mittelalterliche Auffassung spiegeln, daß Maß, Zahl und Gewicht die
formbildenden Faktoren des göttlichen Schöpfungswerks sind. " Omnia in
mensura et numero et pondere disposuisti ", heißt es in Salomonis Weisheitsbuch
11.12.
Das Bewußtsein der metaphysischen Dignität arithmetisch - geometrisch
begründeter Ordnung hat eine reiche Tradition zahlensymbolischer und zahlenmystischer
Entwürfe in abendländischer Philosophie, Literatur und Kunst hervorgebracht,
an deren sich veränderndem Fortleben Du, Kunibert, - wie ich vermute -
mitwirkst.
"In der rein gestaltenden Komposition ist das Unveränderliche (Geistige)
ausgedrückt durch das Universalgestaltungsmittel, den absoluten Gegensatz,
Horizontale und Vertikale rechtwinklig sich schneidend, und durch die
nichtfarbigen Flächen (Schwarz, Weiß, Grau); die neue Gestaltung bedient
sich dabei des Veränderlichen (Natürlichen), das sind variable Maßverhältnisse,
Rhythmus, das Verhältnis von Farbe zu Nichtfarbe. Darin liegt das Individuelle.
"Weit davon entfernt, die individuelle Natur des Menschen zu ignorieren
oder die 'menschliche Note' zu verlieren, ist die rein gestaltende Kunst
die Vereinigung des Individuellen mit dem Universellen. Es herrscht äquivalenz
der beiden Aspekte des Lebens. " Nicht von Dir - hätte das Zitat von Dir
sein können? - von Mondrian stammt diese säkularisierte Abwandlung überlieferter
unio mystica.
'Menschliche Note' und 'reingestaltende Kunst': läßt diese von Mondrian
verbal beschworene Synthese sich leben? Bezeugen Deine Schüler und Deine
Bilder die Verbrüderung von künstlerischem Egoismus und pädagogischem
Altruismus zu einer didaktischen Kunst und kreativen Lehre? Bilden Elisabethenschule
(Arbeitsstätte Deines - und meines - Lehrerdaseins) und Görbelheimer Mühle
(Dein familiäres und künstlerisches Ambiente) tatsächlich keinen
Komplementärkontrast?
Die Vorstellung 'Mühle' löst in mir eine Fülle widerspruchsvoller Assoziationen
aus, vorgeformt in Metaphern wiederum der Romantik, die diesen Ort etwa
als Symbol des hoffnungslosen Umgetriebenwerdens durch eine erbarmungslose
Mechanik, aber auch als Sinnbild produktiv bewegten Gleichmaßes deuten.
öffnen solche Anmutungen - wenn man ihr existenzielles Pathos vergißt
und der Versuchung widersteht, sie auf Deinen beruflichen Dualismus zu
beziehen - den Blick für Mechanik und Atem Deiner Bilder? Ich habe diese
Frage vor einem Bild zu beantworten versucht, das ich vor Jahren von Dir
erworben habe. Der quadratformatige Siebdruck von 1973 ist reduziert auf
- ich verwende Mondrians Formulierung - " die nichtfarbigen Flächen (Schwarz,
Weiß, Grau) " und nutzt außerdem den Unterschied glänzender und matter
Farboberfläche. Glänzend schwarze Bandstreifen bilden, (wieder Mondrian:
) in " Horizontale und Vertikale rechtwinklig sich schneidend ", ein Quadratgitter
vor mattschwarzem Grund, der zwei integrierte Systeme genau kalkulierter
Formstufungen von Quadrat zu Bandstreifen in gedämpft wirkendem Mattweiß
und silbrig-metallischem Grau trägt. Die formale Logik des Bildes prägt
dessen Charakter und Wirkung: orthogonale Strenge und metrische Unwiderlegbarkeit
beglaubigen einander. Das ändert sich überraschend in den Maße, in dem
das schwarze Streifengitter bei verändertem Betrachterstandpunkt seine
optische Wirksamkeit einbüßt und das Weiß dem Grau sich beinahe ununterscheidbar
annähert.
Plötzlich teilen sich diagonal schwingende Bewegungen mit, die das gesetzte
Regelmaß in einen synkopisch-spielerischen Rhythmus verwandeln. Unversehens
entdecke ich in Dir (und in mir) jenen Puppenspieler, über den sich zwei
beeindruckte Zuschauer wie folgt unterhalten: " Ich erkundigte mich nach
dem Mechanismus dieser Figuren, und wie es möglich wäre, die einzelnen
Glieder derselben und ihre Punkte, ohne Myriaden von Fäden an den Fingern
zu haben, so zu regieren, als es der Rhythmus der Bewegungen, der Tanz,
erfordere? ...
"Jede Bewegung, sagte er, hätte einen Schwerpunkt; es wäre genug, diesen,
in dem Inneren der Figur, zu regieren; die Glieder, welche nichts als
Pendel wären, folgten, ohne irgendein Zutun, auf eine mechanische Weise
von selbst. Er setzte hinzu, daß diese Bewegung sehr einfach wäre; daß
jedesmal, wenn der Schwerpunkt in einer geraden Linie bewegt wird, die
Glieder schon Kurven beschrieben; und das oft, auf eine bloß zufällige
Weise erschüttert, das Ganze schon in eine Art von rhythmischer Bewegung
käme, die dem Tanz ähnlich wäre. " Das Gespräch, das ich hier in einem
kleinen Ausschnitt wiedergegeben habe, fand im Winter 1801 statt und wurde
von einem der beiden Gesprächspartner aufgeschrieben: dem romantischen
Dichter Heinrich von Kleist.
Kleist erwähnt beiläufig die eher zufällige Erschütterung, deren es bedarf?
- die ausreicht, um Mechanik zu beseelen. Deine so sparsam instrumentierten,
angespannt - zerbrechlichen Kunstfiguren, die Du uns heute zeigst, erwarten
die vorsichtig - verrückende Bedächtigkeit, die Du ihnen hast zuteil werden
lassen. In der Behutsamkeit und der erwirkten Zufälligkeit des Erschütterns
ähneln sich Puppenspieler und Erzieher ... ein wenig.
1987
Jürgen Trabant
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